Assemblage Boxes

Assemblage Art Boxes

... ist der international gebräuchlichste Fachbegriff, weil er alle Arten dieser Kunstrichtung enthält. Vielfältig sind die anderen Namen: Kunstschachteln, Kunst in Dosen, Story Boxes, Assemblage Schachteln, Shadow Boxes oder Schattenschachteln, Altered Tins. Es gibt aber auch Pocket oder Travel Shrines - Taschenaltäre, Prayer Tins oder Gebetsdosen als Sonderform. Und obwohl ich den Begriff "Kunstschachteln" am liebsten mag, arbeite ich doch öfter mit Dosen. Ich möchte hier einige zeigen und erklären, woher diese Kunstform kommt, worum es dabei geht.

Mein erstes Stück (verkauft) - über und unter diesem Text zu sehen:

Flavocorax paradisiacus, der Gelbseidige Paradiesapfelhäher, lebt scheu im Dickicht alter Zeitungen. Steht der Pilzmond im Dreieck, nascht Flavocorax von Zaubersamen, die unverdaut auf der Erde Wurzeln schlagen und sich zu Paradiesapfelpflanzen entwickeln. Manchmal kann man den extrem scheuen Vogel mit Papierrascheln anlocken. Und natürlich sollte man die Dose anfangs immer nur vorsichtig für ein kleines Weilchen öffnen, damit sich der Prachtvogel an sein neues Umfeld gewöhnt.

Was ist Assemblage-Kunst?

Es sind Collagen mit Gegenständen, dreidimensional. "Erfunden" haben soll sie Picasso mit seinem kubistischen Stillleben von 1914 aus Holzresten und einem Stück Tischdecke, Kurt Schwitters wurde dann um 1918 berühmt mit seiner "Merztechnik". Ich bin also wieder in meiner Lieblingszeit in Sachen Kunst. Meist wird nicht viel erklärt, die Kombination der Gegenstände löst die Geschichten im Gehirn der Betrachter aus

Warum in Schachteln / Dosen?

Collagen oder Assemblagen in Dosen und Schachteln zu fertigen, kommt eigentlich aus der Volkskunst. Jahrhundertelang, bis ins 19. Jahrhundert hinein, hat man in der religiösen Volkskunst kleine Taschenschreine mit Reliquien oder frommen Sprüchen gefertigt, aber auch dreidimensionale Wetter- oder Haussegen in verzierten Rahmen verkauft. Klöster verdienten sich dadurch ein Zubrot, Nonnen fertigten oft wertvolle Goldstickereien dafür an. Die Segensbilder erinnern besonders stark an mittelalterliche Volksmagie: Hier war ein Sammelsurium von kleinen wundertätigen oder geweihten Gegenständen und Bildchen musterartig mit Stickerei kombiniert, oft stand der Segen geschrieben auf der Rückseite. Zeitgenössische Beispiele kann man hier sehen.

Solche Miniaturschreine gibt es auch in anderen Religionen - heute sind sie vor allem unter Neoheiden, in Mexiko oder im Voodoo beliebt. Bei einem Antiquitätenhändler kam mir eine elsässische Tradition unter: In einem reich verzierten Rahmen hatte man eine Assemblage aus Fotos, Gegenständen und Stickmustern gefertigt. Dass die Muster teilweise aus echtem Menschenhaar geflochten waren, sah ich erst auf den zweiten Blick - diese Bilder hat man beim Tod von Angehörigen zur Erinnerung geschaffen. Mir schien das dann doch ein wenig zu nah am Voodoo, um es kaufen zu wollen - man fand das aber in sehr christlichen Haushalten.

Krimischachteln

Ich mag Absurdes. Und ich mag Krimis. Ich will derzeit keine Krimis in Romanform schreiben, habe jedoch schnell Ersatz gefunden. Die "Krimischachteln" sind ein Projekt, das ich ohne Zeitrahmen länger verfolgen möchte. Die Grundlage: Große Streichholzschachteln. Das Innere: Gegenstände, die mir zufällig in die Hände fallen und die von einem Mord erzählen. Zu denen sich andere passende Dinge finden.

So entstand diese unverkäufliche Schachtel mit dem Fundstück eines Haferflocken-Sammelbilds aus meiner frühen Kindheit, das ein "Jungsspiel" namens Hahnenkampf illustrierte. Die grünen Wutstrahlen hatte ich als Kind eingezeichnet, die Männer in Dosen kamen mir durch eine Assoziation ebenfalls aus meiner Kindheit: Als Gruselgeschichte hatte meine Oma oft erzählt, dass ihre Mutter wohl auf dem Wochenmarkt eine der Konservendosen des Massenmörders Karl Denke gekauft habe - der hatte Menschenfleisch eingedost und feilgeboten! Alles andere fand sich dazu - und natürlich musste solch ein absurdes Morden in süßem Pink mit Glitter verpackt werden. Meine kleine persönliche Rache am Rosa-Prinzessinnen-Wahn der Konsumgüterindustrie.

Der fliegende Fisch

Noch fehlt ein wenig Finish, dann ist die Dose mit dem fliegenden Fisch fertig. Alles begann mit einem mundgeblasenen Glasfisch und jenem Song aus dem Film "Arizona Dream", den Emir Kusturica schrieb: "This is a film". Die Zeilen aus dem Song hat er dem russischen Schriftsteller Andrej Platonov entnommen, der schrieb: Look - there's wisdom! A fish stands between life and death, so that he's dumb and expressionless. I mean even a calf thinks, but a fish, no. It already knows everything."

Als Hommage stehen die beiden letzten Sätze handgeschrieben auf dem Rand der Dose, mein Fisch hat sich nach dem Fliegen im echten Geäst niedergelassen und spiegelt die Schönheit seiner Schuppen. Oder spiegelt er uns? Hindergrund und Dosendeckel sind aus einer Original-Monotypie, die ich auf eine Buchseite gedruckt habe, unter Verwendung von Blättern etc.

Diese Dose verrät dann auch, wie es weitergehen wird. Assemblage Art Boxes sind vom Aufwand und Inhalt her sehr unterschiedlich gestaltet. Vor allem aber kann und will ich sie nicht nach Wunsch fertigen oder personalisieren - denn es sind die Gegenstände, die zu mir sprechen müssen, die oft erst nach Wochen zueinander finden. So liegt hier derzeit ein fast 50 cm langes, filigranes Metallobjekt, auf dem eine Antiquität von Spielzeugauto fahren wird ... wohin, das weiß nicht einmal ich.

Fertige Dosen gibt es, sobald vorhanden, in meinem Shop - man kann ihn bei Etsy abonnieren, um nichts Neues zu verpassen.