Die Zukunft des Buchs

"Wir sind im Moment dabei, ein multimediales Lascaux zu erschaffen."
„Wir sind im Moment dabei, ein multimediales Lascaux zu erschaffen.“

Zurück in die Zukunft: Das Lascaux der Bücher

Wenn eine Schriftstellerin einen Essay über die Zukunft des Buches verfasst, müsste sie sich theoretisch nur zurücklehnen, an einem Futurologischen Kongress der Literatur in ihrem Kopf teilnehmen und alles aufschreiben. Dort laufen womöglich austauschbare Projektionsflächen von Autoren-Avataren herum, direkt vernetzt mit Social-chip-Implantaten im Hirn ihrer Leserinnen und Leser. Buchhandlungen sind zu riesigen multimedialen Vergnügungszentren geworden. Ein paar Feuilleton-Bots erscheinen in Maske und schauen irgendeiner sexy gestylten Holografie zu, die als interaktiv quatschendes und werkelndes Sterne-Kochbuch in Küchen gebeamt wird und selbstständig den Online-Einkaufszettel im Kühlschrank umprogrammiert. Oder hätte sich das “gute alte Buch“ wie ein Steampunk-Objekt irgendwann aufgrund einer globalen Stromknappheit wieder durchgesetzt?

Etwas kopflos tappen wir derzeit wie in einer dunklen Höhle zwischen E-Books und Papierbüchern umher und streiten, wo Geschichten stattfinden sollen: draußen zum Anfassen oder als flüchtige Projektion auf der Höhlenwand. So viele Wege gabeln sich in dieser Höhle – welcher wird der vielversprechendste sein? Befinden wir uns womöglich auf einem Weg “zurück“ in die Zukunft, hin zu den Ursprüngen des Erzählens, hin zum Erzählmenschen, für den das herkömmlich gedachte Buchkonzept gar keine Rolle spielt? …

In unserer dunklen Höhle sind wir sind im Moment dabei, ein multimediales Lascaux zu erschaffen. Was derzeit mit der Öffnung von Autoren- und Leserschaft und der Verbindung unterschiedlicher medialer Ausdrucksformen geschieht, nähert sich an den Urkern des Erzählens an, wie es schon die Urmenschen gekannt haben müssen: Eine Geschichte will weitergegeben werden. Aber sie wird nicht zwingend nur in Sprache mitgeteilt. Wie bei den Skulpturen und Malereien steinzeitlicher Höhlen erzählen auch wir wieder zusätzlich in Bildern, binden Grafik, darstellende Künste und Film ein. Wir spielen Theater, werden zu Dramaturgen. Wie einst die Schamanen überschreiten wir eine Grenze zwischen realem und fiktivem Raum, zwischen unserer realen Persönlichkeit als Autoren und unserer Selbstinszenierung im Internet und bei Auftritten. Wir laden Gegenstände im Sinne unserer Geschichten auf, lassen andere mitspielen, kommentieren, weitergeben. Unsere Rituale in den social media wirken archaisch: Wir teilen keine Beute, aber Bilder, wir trommeln uns nicht mehr an die Brust, klappern aber laut mit Eigenwerbung. Wir lösen Emotionen nicht mehr nur mit Fiktionen aus, sondern mit unserer gesamten Kommunikation rund ums Buch. Fiktion und Realität lassen sich nicht mehr wirklich voneinander trennen, sie haben sich ineinander verflochten – in dem Moment, in dem fiktive Romanfiguren bei Facebook zu Ansprechpartnern werden oder Verlage Autoren und Übersetzerinnen erfinden. Zwischen Fiktion und virtueller Inszenierung entstehen Traumpfade wie von Ureinwohnern – gespeist aus dem Buch.

Die “storyteller” von heute steigen vom Olymp herab, um gemeinsam mit den Sterblichen am Lagerfeuer Geschichten zu ersinnen und zu erleben. Wenn wir ein und dieselbe Geschichte lesen, hören, sehen, spielen, träumen und erleben wollen, dann ist das eine Herausforderung so groß wie das Phänomen von Lascaux. In Lascaux wurde Bleibendes geschaffen, weil die darin erzählten Geschichten und die künstlerische Leistung des Erzählens den Menschen über Zeiten hinweg etwas zu sagen haben, weil sie Menschen tief in ihrem Inneren berühren. Diese Essenz wird auch in Zukunft ausmachen, was vom “Buch“ in jedweder Form bleiben könnte.

Petra van Cronenburg in einem Essay „In der dunklen Höhle: Zur Zukunft des Buchs“, Bundeszentrale für politische Bildung.