Meine Anfänge

Das ungezogene Kind

Welches Mädchen hat früher nicht Perlen geschenkt bekommen! In meinem Fall war das ein Kasten mit farbigen Keramikperlen nebst Anleitung. Die sahen in etwa aus wie die heutigen Bügelperlen und man webte sie auch so zusammen. Da sie aus Glas gefertigt waren, haben sie nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt - und so erinnert mich das Fundstück auf dem Foto an eine Geschichte aus meiner Kindheit. Ich muss in der ersten Klasse gewesen sein.

Damals hörten wir heimlich Musik, die unseren Eltern Bauchweh verursachte. Die 1960er waren vor der 1968er Revolution und außerhalb der Metropolen fürchterlich piefig und verstaubt! The Beatles hieß die Gruppe, in die wir uns auf Anhieb verliebten, und irgendwie beeinflussten die uns nicht nur in Sachen Musik, sondern auch bei Farben und Klamotten. Wir trugen am liebsten kreischendes Feuerrot.

Anstatt brav Topfuntersetzer für Mama zu weben und mich auf überkommene Rollenspiele vorzubereiten, entfremdete ich die Perlen, indem ich eine superschicke Halskette im Stil der Zeit entwarf - und in "Beatlesfarben", wie ich das nannte. Ich erinnere mich noch, dass es mir verboten war, dieses "hässliche, schlimme Stück" in der Schule zu tragen. Ich tat es heimlich. Und meine Eltern versuchten alles, der "gefährlichen" Strömung entgegenzuwirken, dass aus mir womöglich eine Künstlerin werden könnte. Vor ein paar Jahren entdeckte ich diese Kette auf dem Speicher wieder. Und finde, es schließen sich wunderbar Kreise. Sie gefällt mir immer noch, auch wenn ich sie heute nicht mehr zweireihig über den Kopf bekomme. Ich bin heute glücklich, dass all die Unterdrückung meiner Talente sich letztlich dadurch rächte, dass ich genau das geworden bin, wovor meine Eltern solche Angst hatten: Künstlerin.

Kette in "Beatlesfarben"

Ich muss etwa sechs, sieben Jahre alt gewesen sein, als ich diese Kette gegen alle Widerstände entwarf und fädelte. Die Farbkombination nannte ich "Beatlesfarben". Tragen durfte ich das Stück nur heimlich!

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Perlenliebe und ein Luxusbuch

In den folgenden Jahren bastelte ich immer wieder Schmuck für mich selbst, von "hübsch hässlich" bis schick. Es war kein Geld da für "Extrafirz" im Arbeiterhaushalt, aber es machte auch viel mehr Spaß als Massenware. Hätte man mir damals gesagt, ich würde einen Beruf daraus machen, hätte ich laut gelacht. Im Rückblick war ich aber doch recht ehrgeizig ...

Ich weiß nicht mehr wie und warum ich eines der teuersten Bücher meiner Bibliothek dringend haben musste und dafür alles andere liegen ließ. Es ist ein riesiger, schwerer Prachtband von Lois Sherr Dubin: "Alle Perlen dieser Welt. Eine Kulturgeschichte des Perlenschmucks", mit seinen 30.000 Jahren Perlengeschichte in Prachtaufnahmen immer noch ein Standardwerk. Zeitgleich gab es eine vielbeachtete Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg: Germanen, Hunnen und Awaren - Schätze der Völkerwanderungszeit. Der wundervolle Katalog brachte den Stein endgültig ins Rollen: Ich war hin und weg vom Schmuck dieser Zeit und wollte unbedingt so etwas tragen!

Was tun, wenn man viele Jahrhunderte zu spät geboren wurde? Die Zeichnungen der Archäologen zu den Fotos der Fundstücke brachten mich auf eine Idee. Wenn ich das nun einfach imitieren würde?

Fantasy-Stücke

  • Fantasie Mondcollier
    Fantasie Mondcollier

Von Fundstücken inspiriert

  • Fibel
    Fibel nach Original italisch-ostgotisch, um 500 n. Chr.

Archäologie und Fimo

Gesagt, getan. Ich musste ein geeignetes Material finden. Edelmetalle waren nicht nur viel zu teuer, ich hatte auch keinerlei Ausbildung als Goldschmiedin. Ich probierte also mit Kupferplatten und Emaillepulver herum und kam schließlich auf das damals absolut beliebte Fimo. Das ließ sich mit geeignetem Werkzeug fein modellieren, man konnte Steinchen und andere hitzebeständige Dinge eindrücken, es färben oder vergolden, versilbern.

Ich wurde süchtig. Schnell entfernte ich mich von der Imitation und ließ eigene Ideen einfließen, nahm Ausgrabungsstücke oft nur noch als Inspiration für eigene Fantasieformen. Wenn ich mit einem meiner Schmuckstücke auf Arbeit oder bei Freunden auftauchte, erntete ich großes Staunen. Mein Schmuck wurde zum beliebten Geschenk ...

Das war der Punkt, als die frischgebackene Journalistin, die ich war, eine Idee hatte. Ich saß in der Kulturredaktion, schrieb über Vernissagen und Künstlerinnen. Wieso verschloss ich meinen eigenen Schmuck in Kästchen? Frechheit siegt doch, oder? Wer nichts probiert, kann auch nicht scheitern.

So kam es, dass ich gezielt für eine Ausstellung arbeitete. Als ich genug Schmuck zusammen hatte, stellte ich mich einfach vor. Freundinnen, die vorher dankbare Abnehmerinnen von Geschenken aus meiner Schreibtischwerkstatt waren, halfen mir bei den Kontakten.

Ich begann klein mit einer Schmuckausstellung im Rathaus Gondelsheim und fand es witzig, plötzlich die Interviewte statt der Interviewenden zu sein. Es folgte eine Ausstellung in der Stadtbibliothek Bruchsal, die wunderbar mit Büchern über Archäologie und Schmuck und mit Museumskatalogen ergänzt wurde. Das sind die beiden, an die ich mich noch erinnere. Denn ich betrachtete das damals nur als nettes Hobby, war von mir selbst kein bißchen beeindruckt.

  • Mond-Sonne-Silber
    Silber-Set Anhänger + Brosche

Goldschmiedekurse

Was ich nie bereue, war die Investition in Laienkurse bei einer Goldschmiedin. Ich konnte zum ersten Mal im Leben in echtem Silber arbeiten, von einer echten Fachfrau lernen. Wir hatten Zugang zu all den Werkzeugen und arbeiteten im Schleudergussverfahren. Die Rohlinge wurden in dünnstem Wachs für Dentallabore modelliert.

Ich hätte zu gerne weitergemacht. Aber ein Umzug kappte die Möglichkeit für diese Kurse und den Kontakt für die Schleudergussfirma in Pforzheim.

Vielleicht werde ich irgendwann einmal wieder mit Silber arbeiten. Die Techniken sind fortgeschritten, es gibt inzwischen "Art Clay" aus Edelmetallen, das sich modellieren oder spritzen lässt. Aber dazu braucht man einen Brennofen und das nicht ganz billige Zubehör. Ein Träumchen also, das erst erwirtschaftet werden will.

Ich verlegte mich damals auf meine zweite große Liebe, das Glas, bekam in Frankreich Zugang zu tschechischem Glas.

Die Kette aus den USA

  • grüne Perlenkette
    grüne Perlenkette

Die Kreise schließen sich mit Glas

Allein das wäre einige Geschichte wert.

Zuerst reparierte ich eine Kette, die mir mein amerikanischer Großonkel geschenkt hatte, als er uns ein letztes Mal besuchte. Ich war noch klein, bekam die Kette weggenommen und erst in späten Teeniejahren wieder. Die Erinnerung an jenen Besuch habe ich als Kurzgeschichte in meinem Erzählbändchen "Blaue Fluchten" verewigt. Und 2018 spielte jener Onkel noch einmal eine große Rolle in meinem Sketchbook für die Brooklyn Art Library - er heißt darin Josef. Kein Zufall ist es, dass seine Kette aus böhmischem Glas bestand - es waren Auswanderer von dort.

Auch kurios: Die winzige Garagenfirma, die damals per Papierkatalog und Email versandte, entdeckte ich viele Jahre später mit Onlineshop. Ich war so hin und weg, dass die meine alte Bestellung noch gespeichert hatten, dass ich nachbestellte. Heute ist das Unternehmen in Südwestfrankreich mein Großhändler, der sich nicht zu schade ist, für mich auch die schrägsten Produkte zu bestellen.

Tschechische Glaskunst, die auch heute noch bei den meisten Perlen in Manufaktur hergestellt wird, fasziniert mich. Inzwischen kaufe ich limitierte Auflagen besonderer Editionen direkt in Tschechien ein. Und muss ein wenig grinsen, wie sich manchmal Kreise schließen. Als ich meine Uroma zum hundersten Geburtstag besuchte, hielt sie mich partout für eine Henriette aus dem 19. Jahrhundert. Henriette war ihre eigenen Großmutter gewesen und hatte, wie das bei Fabrikanten jener Zeit üblich war, die arme Enkelin als Ziehkind aufgezogen. Aus irgendeinem Grund, den keiner genau wusste, sollte Henriette später nach Frankreich ausgewandert sein.

Es geschah durch Produktrecherchen in Tschechien, dass ich womöglich die wahre Geschichte herausgefunden habe. Diese sagenumwobene Henriette, für die mich meine Uroma hielt, war Besitzerin einer Glasfabrik gewesen. Durch einen tragischen Unfall mit Blitzschlag, womöglich auch durch falsche Entscheidungen des Mannes, musste die Fabrik zwangsversteigert werden. Es liest sich alles wie ein Krimi. Henriettes Spur verlor sich in Frankreich, aber ihr Nachname ist ein recht häufiger in meiner Nähe - der Glasgegend.

Da bin ich nun also auch seit langem ausgewandert und lebe in der Nähe der "Étoiles terrestres", der "irdischen Sterne", wie man wegen des Funkelns die berühmten Glasorte nennt:

  • Wingen-sur-Moder mit dem weltberühmten Lalique-Museum
  • Meisenthal mit der alten Glasfabrik, dem Museum und Kulturzentrum, heute ein Treffpunkt für Kultur, Glaskunst und einer Sammlung von Emile Gallé.
  • Saint-Louis mit dem Museum der ältesten Cristallerie Frankreichs, einer Sammlung über vier Jahrhunderte und der Möglichkeit, die noch heute aktiven Werkstätten zu besichtigen.

Das liegt nicht direkt um die Ecke, aber ich habe das Gefühl, ich lebe genau in der richtigen Region. Es ist auf der anderen Seite nicht weit zu einer der feinsten und ältesten Luxuspapier-Fabriken ... Papier und Glas - meine Lieblingsmaterialien heute!

Inspiriert vom Jugendstil

  • Schwan Brosche
    Schwan, Brosche mit Lapislazuli

Anfänge in den 1980ern

  • Schmuck 1980er
    1980er Armband / Anstecker